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Leitkulturdebatte; oder wie wir Ausländer sagen: Wahlkampf auf unserem Rücken Teil 267

Gastkommentar von Krsto Lazarevic

Seit Thomas de Maizière es sich zum Hobby gemacht hat, erfundene Statistiken und Fake News* über Flüchtlinge zu verbreiten, erwarte ich ja nicht mehr viel von ihm. Die Liebe zur deutschen Sprache äußert sich jedenfalls nicht in dem Satz: "Wir sind nicht Burka". Von der grammatikalischen Fragwürdigkeit mal abgesehen, hat auch niemand behauptet, Deutschland sei Burka. Man könnte genauso sagen: "Wir sind nicht Stierkampf" oder "Wir sind nicht Matrjoschka". Aber de Maizière möchte eben eher eine Klientel ansprechen, die Muslimen gegenüber nicht sehr aufgeschlossen ist.

Jens Spahn springt ihm nun zur Seite und sagt im Interview mit dem Spiegel [link]: „Unsere deutsche Sprache, unsere Musik, unsere Traditionen und Feiertage, unser Umgang mit Geschichte, Wertschätzung für Frauen statt Machokultur - all das und viel mehr ist deutsche Leitkultur.“

Ich für meinen Teil kann altem deutschem Liedgut wenig abgewinnen. Den Reformationstag werde ich nicht feiern, weil ich Martin Luther für einen wichtigen Vordenker des Antisemitismus halte. Den Umgang mit der deutschen Geschichte halte ich für problematisch, weil man versucht, durch die ständige Betonung, die Deutschen hätten aus dem Nationalsozialismus gelernt, dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte noch etwas Positives abzugewinnen. So als habe Ausschwitz am Ende wenigstens noch einen pädagogischen Wert für die Deutschen.
Man muss meine Auffassungen hierzu nicht teilen, aber die Spahns und de Maizières schließen mich aufgrund solcher Auffassungen aus ihrem „Deutschland“ aus. Ist aber auch nicht schlimm, mein Deutschland ist eh viel besser. Mein Deutschland findet sich mitunter in Neukölln, der Name eines Stadtteils, der am Montagabend bei den regelmäßigen Spaziergängen in der Dresdner Innenstadt nur mit Schrecken und blanken Entsetzen ausgesprochen wird.
Was die Spahns und de Maizières dieser Republik einfordern ist keine deutsche Leitkultur, sondern die Durchsetzung eines verstaubt konservativen Gedankenguts, dass sich im Subtext eben doch gegen uns Migranten richtet.

Ich habe fertig. Ich bin nicht Weißwurst.

Krsto Lazarević arbeitet als Journalist für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Korrespondent in Belgrad berichtete er über die Balkanroute. Seine anderen Themenschwerpunkte sind Migration, Rechtsextremismus, Islamismus sowie Kunst und Kultur aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

* Beispiele für falsche Behauptungen von Thomas de Maizière:




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